Il Milione

Il Milione (deutsche Übersetzung: Der Milione) ist der Titel der toskanischen Handschriften und späterer italienischer Drucke einer Ende des 13. Jahrhunderts entstandenen Beschreibung von Marco Polos Reise in den Fernen Osten. Im Prolog findet sich eine kurze Darstellung der ersten Handelsreise seines Vaters Niccolò und seines Onkels Maffeo Polo zum mongolischen Großkhan Kublai sowie von deren zweiter Chinareise zu demselben Herrscher, an der Marco Polo teilnahm. Der anschließende Hauptteil enthält kaum autobiographische Nachrichten des venezianischen Asienreisenden. Der Bericht wurde vermutlich erstmals 1298/99 von Rustichello da Pisa nach Polos Diktat in einem Genueser Gefängnis niedergeschrieben. Im Mittelpunkt der überwiegend sachlichen Erzählung steht der als tugendhaft beschriebene Großkhan Kublai und sein glanzvoller Hof. Breiten Raum nehmen auch die Beschreibung der reichen chinesischen Städte sowie der lokalen Erzeugnisse und Sitten ein. Daneben schildert Marco Polo Kuriositäten, orientalische Fabeln, christliche Wundergeschichten und – historisch unzuverlässig – Begebenheiten insbesondere der mongolischen Geschichte. Sein Buch, das in der Fassung Rustichellos mit damaligen französischen Ritterromanen vergleichbar ist, stieß in Europa auf großes Interesse. Es wurde rasch durch Abschriften und Übersetzungen verbreitet und fand so unterschiedliche Leserkreise wie Kleriker und weltliche Adlige, etwa französische Könige und burgundische Herzöge. Für das Zeitalter der Entdecker hatte es große geographische Bedeutung; so ließ sich etwa Christoph Kolumbus durch seine Lektüre zu seinen Entdeckungsreisen anregen.
Name
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Milione war eventuell die Kurzform des Spitznamens der Polo-Familie Emilione. Die Bezeichnung ist jedoch nicht letztgültig geklärt: Gemeinhin pflegt man sie auch als Anspielung der Zeitgenossen auf Polos wenig glaubwürdig erscheinende Berichte von den sagenhaften Schätzen des Orients zu deuten. Das Buch ist auch bekannt als Le meraviglie del mondo oder Devisement du monde (deutsch: Die Wunder der Welt oder Aufteilung der Welt).[1]
Der Titel der ursprünglichen Handschrift des Werkes war französisch und lautete vermutlich Le livre de Marco Polo citoyen de Venise, dit Million, où l'on conte les merveilles du monde („Das Buch des Marco Polo, Bürger der Stadt Venedig, genannt Milione, worin von den Wundern der Welt berichtet wird“).
Entstehung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Über die Entstehungsgeschichte seines Reiseberichts informiert Marco Polo seine Leser nur sehr kurz im letzten Satz des ersten Teils des Prologs. Demzufolge war er 1298 gemeinsam mit Rustichello da Pisa (auch Rusticiano da Pisa) in einem Genueser Gefängnis interniert, erzählte seinem Mithäftling von seinen Reiseerlebnissen und bat ihn, diese niederzuschreiben. Marco Polo unterließ es zu erwähnen, wie er drei Jahre nach seiner Rückkehr nach Venedig in das Genueser Gefängnis kam, und bringt auch keine näheren Angaben zur Person Rustichellos und über dessen Funktion als Schreiber der Reisememoiren. Zahlreiche Marco-Polo-Forscher nehmen zur Aufklärung des erstgenannten Punktes an, dass der Chinareisende als Kommandant einer Kriegsgaleere im September 1298 an der zwischen Venedig und Genua ausgetragenen Seeschlacht bei Curzola teilnahm und nach der venezianischen Niederlage in genuesische Gefangenschaft geriet.[2] In dem als Gefängnis genutzten Palazzo San Giorgio[3] lernte er dann Rustichello da Pisa kennen, der wohl schon nach der Seeschlacht bei Meloria (1284) von den Genuesen gefangen genommen worden war. Nach dem Friedensschluss zwischen Venedig und Genua im Mai 1299 kam Marco Polo wohl wie viele andere Kriegsgefangene frei, so dass zur Niederschrift seines Reiseberichts etwa 8 Monate Zeit geblieben wären.[4]
Mit Rustichello da Pisa hatte Marco Polo einen versierten Schreiber zur Hand, da Rustichello sich schon als Kompilator von Artusromanen einen Namen gemacht hatte. Eine umstrittene Frage in der Marco-Polo-Forschung ist, wie die Zusammenarbeit des Chinareisenden und seines Schreibers vonstattenging. So führt Marco Polo nicht aus, ob er Rustichello seinen Bericht diktierte und Letzterer somit nur ein einfacher Schreiber gewesen wäre, oder ob Rustichello nicht zumindest bei der konkreten Textformulierung weitgehend freie Hand hatte. Manche Forscher nehmen an, dass Rustichello den Bericht nicht nur nach dem mündlichen Referat Marcos Polos abfasste, sondern sich auch auf schriftliche Aufzeichnungen Polos stützen konnte. Als Beleg für diese These dient eine Bemerkung des Chronisten Jacopo d’Aqui, demzufolge Marco Polo seinen Vater Niccolò Polo ersucht habe, ihm seine Reisenotizen ins Genueser Gefängnis zu schicken. Diese Angabe steht allerdings in Widerspruch zur durch das lateinische Zelada-Manuskript überlieferten Version des Il Milione, dass der Chinareisende bloß aus dem Gedächtnis heraus Rustichello seine Reisen geschildert habe.[5]
Der bedeutende Marco-Polo-Forscher Luigi Foscolo Benedetto, der für den von ihm herausgegebenen franko-italienischen Text der Pariser Handschrift BN, MS fr. 1116 die Entstehung des Textes analysierte, zeigte als Erster den großen Anteil Rustichellos bei der Gestaltung der Niederschrift des Reiseberichts. Er verglich dazu den Text der Handschrift mit jenem von Rustichellos Roman Meliadus. Dabei vermochte er zu zeigen, dass beide Texte bisweilen wörtliche Übereinstimmungen aufweisen. So beginnt etwa Rustichellos Meliadus mit fast dem gleichen Wortlaut wie der Il Milione, u. a. bei der Ansprache des Publikums („Ihr Kaiser, Könige und Fürsten …“). Beim später im Prolog geschilderten Empfang von Marco Polos Vater und Onkel während ihrer ersten Chinareise durch Kublai Khan wendet sich dieser mit denselben Worten an die Polos wie im Meliadus König Artus an Tristan. Dem mongolischen Großkhan wird hierdurch die Sprache westeuropäischer Ritter in den Mund gelegt. Gleiches gilt für die Darstellung des Empfanges des jungen Marco Polo durch Kublai Khan. So schmückte Rustichello Polos Reisebericht mit der Sprache der Courtoisie aus. Diese Verwendung der Sprache der höfischen Literatur eröffnete Marco Polo den Weg zu einem Publikum, das ansonsten meist Ritterromane las. Die Rolle Rustichellos, der Polos Reisebericht in eine ansprechende Form brachte, ging also weit über die eines ausschmückenden Literaten hinaus.[6]
Auf der verlorengegangenen Urschrift des Il Milione basieren circa 150[7] spätere, mitunter stark verfälschte Manuskripte. Erst die moderne Literaturwissenschaft unternahm es, so weit wie möglich den ursprünglichen Text wiederherzustellen, der dann 1928 in rekonstruierter Form veröffentlicht wurde.
Aufbau
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Rustichello da Pisa kündigte im Vorwort die chorographische Beschreibung eines bedeutenden Teils von Asien an, die nahezu ausschließlich auf Marco Polos Augenzeugenschaft beruhe; nur gelegentlich würde der venezianische Reisende Mitteilungen von glaubwürdigen Informanten über Dinge, die er nicht selbst gesehen habe, einstreuen. Eine derart umfassende Deskription Asiens gab es bis dahin in der europäischen Literatur nicht. In den ersten 19 Kapiteln folgt ein kurzer Bericht über die erste Reise des Vaters und Onkels von Marco Polo zu Kublai Khan sowie über die zweite, von Marco Polo selbst mit seinen Verwandten unternommene Reise zum gleichen Monarchen. Von letzterer wird nur der huldvolle Empfang des Reisenden durch den Großkhan, die von ihm in dessen Auftrag durchgeführten Gesandtschaftsreisen sowie der Anlass und Verlauf seiner Heimreise nach Venedig geschildert.[8][9]
Die zwei Bücher umfassenden Kapitel 20-234 von Marco Polos Bericht stellen die eigentliche Beschreibung Asiens dar. Sie sind nach einem geographischen Ordnungsschema aufgebaut, das ungefähr Polos Reiseroute folgt. Gemäß dem Hinweg Polos zu Kublais Sommerresidenz Shangdu, die sich nordöstlich von Peking befand, wird zuerst eine Schilderung Persiens gegeben, der sich die Beschreibung der zentralasiatischen Hochgebirgsregionen bis nach Nordchina (von Polo als Catai bezeichnet) anschließt. Als Nächstes berichtet der Autor über Südchina (Mangi), wo die den Mongolen vorangegangene Song-Dynastie sich am längsten gegen die Angriffe von Kublais Truppen hatte behaupten können. Polo bemerkt, dass er diese Region selbst in Kublais Auftrag besucht habe. Im weiteren Verlauf orientiert sich der Bericht Polos im Groben an dessen Rückreiseroute und beschreibt dementsprechend u. a. Indien, die Sundainseln sowie das von Polo sicher nicht selbst besuchte Japan (Cipangu). In den letzten, überwiegend historiographische Inhalte bringenden Kapiteln 200-234, die nur lose an den bisherigen Bericht angehängt sind, widmet sich der Autor bisweilen mit großer Ausführlichkeit mehreren innermongolischen Kriegen. Deren Darstellung nimmt in stilistischer Hinsicht teilweise Anleihen an der altfranzösischen Epik. In diese Schilderung militärischer Auseinandersetzungen sind diverse geographische Kapitel, etwa über Russland, eingeschoben. Als Letztes wird ein Krieg zwischen Nogai Khan, einem Feldherrn der Goldenen Horde, und dem legitimen dynastischen Erben Toghtogha erzählt. Dieser Konflikt fand erst 1299 statt, als Polo seinen Asienaufenthalt längst beendet hatte. Danach bricht das Werk plötzlich ab.