Nutriafell

Als (der) Nutria wird in der Rauchwarenbranche das Fell der Nutria bezeichnet, die auch Biberratte oder Sumpfbiber genannt wird. Die Urheimat des Sumpfbibers ist Südamerika, über Freikommen aus Zuchten und durch bewusste Auswilderung zur Pelzgewinnung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist das Tier heute ebenfalls in Deutschland und weiten Teilen Europas, Asiens und Nordamerikas heimisch.
Im Spanischen bezeichnet „nutria“ das Fell des Fischotters (siehe → Otterfell).
In der Regel werden Nutriafelle gerupft oder/und geschoren verarbeitet (ohne das borstige Grannenhaar).



Nutriafell
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Felllänge beträgt etwa 43 bis 63 cm, der kaum behaarte Schwanz ist 30 bis 45 cm lang. Die Haarfarbe der Wildnutria ist dunkelbraun, gelegentlich grau- oder rötlichbraun; die langen, groben Grannenspitzen sind oft gelblich. Das Unterhaar ist dunkelgraubraun bis schwarzbraun, bläulichschwarz. Das Nutriafell ist im Gegensatz zu fast allen übrigen Pelztieren in der Wamme qualitativ besser als im Rücken, auch die Milchdrüsen befinden sich im Gegensatz zu anderen Pelztieren auf den Rückenseiten. Die Fellmitte ist, verglichen mit anderen Fellarten, nur wenig dunkler als die Seiten. An manchen Teilen der Wamme bemerkt man eine ombréartige Aufhellung, die zum Beispiel zwischen den Ohren bis zu Hellgrau-Weißlich gehen kann.[1]
Damit die vollere Bauchpartie nach der Verarbeitung besser zur Geltung kommt, wurde das rund abgezogene Fell meist im Rücken aufgeschnitten.
Fellstruktur: Bei der Behaarung werden 3 Grannentypen unterschieden: Auf 10 mm² stehen 1 Leithaar, 3 Grannen mit allmählich in den Schaft übergehender Granne und 19 Grannenhaare mit scharf abgesetzter Granne. Die Granne ist auf dem Rücken 1,5 bis 3,3 cm lang (laut Franke/Kroll bis zu 8 cm!), auf dem Bauch 2,5 bis 3,3 cm.[2] Die Unterwolle ist in den Fellseiten besonders dicht und 12 bis 15 mm lang. Die 15 bis 18 mm langen Wollhaare auf dem Rücken erreichen nur eine Dichte von 40 % der Bauchseite. Durchschnittlich befinden sich 150 Haare auf einem cm².[2] Ähnlich dem Biber stehen die Leithaare im Rücken des Nutriafells nicht gleichmäßig verteilt, sondern meist in Inseln oder Stapeln zusammengefasst.[1]
Haarstruktur: Der unterste Teil der Haarbasis ist hellfarbig, fast weiß. Dann erscheint eine silberfarbige Zone, die sich innerhalb weniger Millimeter in mittel- bis dunkelgrau und schließlich braungrau abschattiert. Die Wollenden sind mittel- bis dunkelbraungrau und verleihen dem Haargrund die Farbe. Die Grannenhaare weisen von der Basis zur Spitze einen steigenden Verhornungsgrad auf. Der Grannenquerschnitt ist bohnenartig bis oval,[3]; der Wollhaarquerschnitt ist rund bis fast rund.[1] Die besonders feinen Wollhaare sind leicht gekräuselt.[2] Der Grannenanteil im Vlies ist sehr differenziert ausgebildet, es gibt weiche, sehr elastische Formen und auch wieder längere, glasige, fehlfarbige Arten. Die bei Nutria besonders ausgebildeten Leithaare sind gelblich, in der Mehrzahl jedoch gelb bis orangefarbig getönt und zeigen am Haarende den ringförmigen Aguti-Kontrast.[4]
Lederstruktur: Das Nutriafell hat eine betont porige Struktur. Die langen Grannen sitzen tief in der Lederhaut und ragen, insbesondere im Rücken, oft bis in das Unterhautbindegewebe. Im Rückengewebe ist das Leder mehrere Millimeter stark, in der Wamme ist es viel dünner und mehr schwammig.[3]
Der Haltbarkeitskoeffizient für gerupfte sowie für grannige Felle wurde anhand allgemeiner Erfahrung mit 40 bis 50 Prozent angegeben.[Anmerkung 1][5] Eine andere, nicht näher erläuterte Liste setzt die Haltbarkeit auf 35,5 Prozent und ordnet sie an die 25. Stelle einer unvollständigen Haltbarkeitsskala ein,[6] die traditionell mit dem als am haltbarsten angenommenen Fell des Seeotters beginnt und hier mit dem Hasenfell auf der 41. Position endet. Eine amerikanische Studie ordnete das Nutriafell anhand von Haaruntersuchungen, entgegen praktischer Erfahrung, sogar nur bei 25 Prozent ein.[7]
Bei einer Einteilung der Pelztiere in die Feinheitsklassen seidig, fein, mittelfein, gröber und hart wird das Nutriahaar nicht mit eingestuft, mit dem Hinweis, dass das Oberhaar härter ist, aber die Unterwolle eine außerordentlich weiche Beschaffenheit aufweist.[8]
Wildlebende Nutrias
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Infolge übermäßiger Bejagung waren die Nutriabestände in ihrer südamerikanischen Heimat, vom Äquator bis Patagonien, stark dezimiert. Während von dort 1910 noch rund 10 Millionen Felle auf den Weltmarkt kamen, waren es 1930 nur noch etwa 200.000. Schon- und Schutzgesetze in einzelnen Staaten führten dazu, dass heute wieder nennenswerte Exporte aus Südamerika auf den Markt kommen.
1929/1930 wurden argentinische Nutrias in der Sowjetunion ausgesetzt. 1987 wurden auf russischen Auktionen 36.000 Nutriafelle aus der Mongolei angeboten, 3500 mehr als im Jahr davor.
In den 1930er Jahren begann man in den USA mit der Nutriazucht zur Pelzgewinnung. Als sich zeigte, dass die Nutriahaltung nicht rentabel war, ließ man die Tiere frei. 1988 gab es bereits in 41 Bundesstaaten der USA und in drei kanadischen Provinzen teils beträchtliche Nutriavorkommen. 1988 heißt es bei Kroll/Franke, „der Fellanfall in den Vereinigten Staaten liegt bei 1,2 Millionen (überwiegend aus Louisiana) bei steigender Tendenz“.[9]

a) Südamerika
- Argentinien
- Provinz Buenos-Aires:
- Seidig; am Untergrund graues Unterhaar mit rotbraunen Spitzen. Haarlänge im Rücken 17 bis 19 mm, am Bauch 10 bis 13 mm. Von hier stammen etwa 40 % des argentinischen Aufkommens, die beste Qualität ist Madariaga.
- Isla (Zusammenfluss der beiden Ströme Paraná-Uruguay und La Plata):
- Seidigere Unterwolle als Buenos-Aires, etwas kleinere Felle. Haare am Schaft grau, braungraue Spitzen; besser als die Provinzware. Haarhöhe gleichmäßiger, unter 20 mm.
- Rivers (Rios oder Corrientes) (aus den Provinzen Entre Ríos, Corrientes, aus Teilen von Santa Fe, Formosa und Misiones):
- Seidig wie die Felle aus Islas, gleich groß derer aus der Provinz Buenos-Aires. Graueste argentinische Qualität, am Haargrund grau, graue und graubraune Spitzen. Die flachste Qualität, aber sehr dichtes und im Vergleich von Rücken zu Wamme sehr gleichmäßiglanges Haar.
- Südware (aus den südlichen Provinzen Rio Negro, Neuquen, Mendoza, Chubut, Santa Cruz):
- Von hier kommen die größten Nutriafelle, sie sind etwa so groß wie Zuchtware. Die Wamme ist perlgrau, der Rücken grau, die Spitzen sind graubraun. Die Länge des Rückenhaars beträgt 22 bis 26 mm, die des Wammenhaars 18 bis 20 mm; das Haar ist sehr schütter.

- Uruguay
- Montevideo
- Flach im Haar, schöne Farbe
- Paraguay
- Gran Chaco
- Weniger dichtes Unterhaar; leicht missfarbig; dünnes und wenig stabiles Leder
- Brasilien
- Sehr flachhaarig, zumindest vor 1988 keine Anlieferungen.
- Uruguay
Zur Förderung der einheimischen Wirtschaft dürfen argentinische Nutria nicht roh exportiert werden, sie müssen im Land veredelt werden. Jahrelang war die dortige Pelzveredlung von sehr geringer Qualität, das Leder war oft hart, nicht zügig und wenig reißfest. Inzwischen steht die Veredlung der europäischen nicht mehr nach, es kommen zusätzlich neue innovative Schuren und Farben von dort auf den Weltmarkt.
Der Fellanfall an südamerikanischer Wildware betrug 1988 etwa zwei Millionen Stück (weit überwiegend aus Argentinien).[9]
Die besten, besonders dunklen südamerikanischen Nutriafelle wurden bis nach dem Ersten Weltkrieg als „Flores-Beutel“ gehandelt. Das waren im Ganzen abgestreifte Felle, die nur zwischen den Hinterpfoten aufgeschnitten und dann über Weidenruten gespannt, getrocknet wurden. Dickledriger, etwas heller und rauer im Haar waren die „Parana-Beutel“, „Montevideo-Beutel“ waren dick im Leder, vollhaarig, recht braun, mit sehr vielen schlechtfarbigen Fellen. Für die besten Felle kam später die Bezeichnung „Insel-Ware“ auf. „Lagunen-Ware“ galt in der Qualität etwa ein Drittel schlechter als „Insel-Ware“. Inzwischen werden südamerikanische Nutrias meist ohne zusätzliche Unterscheidung der Provenienzen gehandelt. Aber auch die Unterschiede zwischen den süd- und nordamerikanischen Sorten waren zuletzt meist nur noch den Rohfell-Großhändlern bekannt. Heute kommen die Felle fast nur noch als fertig zusammengesetzte Tafeln, bereits gerupft, geschoren und meist auch gefärbt, in den Handel.

b) Nordamerika
- Die Qualität der Nachfahren der ursprünglich ausgesetzten oder entwichenen nordamerikanischen Nutrias (s. o.) ist sehr unterschiedlich, jedoch sollen weniger schlechtfarbige oder fleckige Felle anfallen. Die Bejagung begann erst nach der sprunghaften Zunahme der Populationen.
- 1973 wurden im Küstengebiet Louisianas dreizehn Sumpfbiber aus Argentinien ausgesetzt. In weniger als zwanzig Jahren hatten sie sich über den größten Teil der Sumpfgebiete ausgebreitet und wurden zu einem Albtraum. Die Felle hatten zu der Zeit einen geringen Wert, die Tiere zerstörten Reis- und Zuckerrohrfelder sowie die Marschen und man machte sie für den Rückgang der ebenfalls pelzwirtschaftlich genutzten Bisampopulation verantwortlich. Anfangs gestaltete sich der Nutriafang aus unterschiedlichen Gründen trotz Unterstützung des Ministeriums für Naturschutz und Fischerei sehr schwierig, nicht zuletzt wegen des geringen Fellpreises. Nachdem der bundesdeutsche Markt für diesen Artikel erschlossen worden war, übertraf 1962 die Nutriafellausbeute in Louisiana mit 913 Tausend das Ergebnis bei Bisam mit 633 Tausend bereits beträchtlich.[10]
- In Nordamerika hat sich das Nutriafell kaum durchsetzen können und der deutsche Markt nimmt inzwischen auch nur noch unbedeutende Mengen auf. 2010 heißt es deshalb auf den vom Museum der Texas Tech University veröffentlichten Seiten, dass, wenn der Preis für Nutriafelle weiter so gering bliebe, die Zunahme der Populationen zu einem Problem werden könnte.[11] Louisiana zahlte 2008 pro abgeliefertem, eingefrorenem Nutriaschweif 5 $ Prämie, mit dem Ziel, in den Wetlands 400.000 Tiere zu fangen. 2013 schrieb das Louisiana Department of Wildlife and Fisheries bis zu sechs Stellen für Trapper zum Nutriafang aus.[12][13] Inwieweit die Felle der dort gefangenen Tiere derzeit in den Handel kommen, ist unklar.
- Die Felle aus Nordamerika sind etwas kleiner und heller braun als die aus Südamerika.
- 20 bis 30 % des Gesamtanfalls sind die sogenannten „Western“, der Rest „Eastern“, einschließlich der „Centrals“. Die dichthaarigen Western eignen sich gut zum Tiefscheren, die Eastern werden mehr in Hochschur (mit angeschorenem Oberhaar) verwendet.
- USA-Felle weisen oft sogenannte „Pinholes“ auf, kleine, von einer Pflanze verursachte Löcher, die die Felle bis zu 90 % entwerten können.
Rohwarenfehler bei Wildnutriafellen:
- Bissstellen, Narben
- fettbelegte Felle
- Als Folge mangelhaften oder unvollständigen Rabatzens, das Entfernen von Naturfettauflagen, entstehen anschließend Fettoxydationsschäden. Außerdem wird das Fell empfindlicher gegenüber Wärmeeinwirkung beim Trocknen: Das heiße Fett führt zu fettversottenen Stellen im Rohleder.
- sogenannte „verbrannte Stellen“
- Auch wenn die Felle fettfrei sind, können hohe Temperaturen eine Art Verleimung in der Faserstruktur der Rohhaut erzeugen.
- verstunkene Felle
- Durch zu lange Lagerung der feuchten Felle baut sich das tierische Eiweiß ab.
- Abzugsschäden
- Einzelne Schnittstellen oder ganze Flächen können bis auf die Narbenhaut freiliegen, so dass teilweise sogar die Haarwurzeln bloßliegen. Besonders in der Wamme führt dies zu einer ungenügenden Lederhaltbarkeit.[3]
Praktische Erfahrungen bei rohen Wildnutriafellen ergeben folgende Qualifikation: bis 5 Prozent beschädigte Felle, sehr gute Qualität; bis 10 Prozent, gute bis mittelmäßige Qualität; bis 15 Prozent mäßige bis geringe Qualität; über 15 Prozent, schlechte Qualität.[3