Wilhelm von Ockham

Wilhelm von Ockham, englisch William of Ockham oder Occam (* um 1288 in Ockham in der Grafschaft Surrey, England; † 9. April 1347 in München), war einer der bedeutendsten mittelalterlichen Philosophen, Theologen und politischen Theoretiker der Spätscholastik. Traditionell gilt er als ein Hauptvertreter des Nominalismus. Sein umfangreiches philosophisches Werk enthält Arbeiten zur Logik, Naturphilosophie, Erkenntnistheorie, Wissenschaftstheorie, Metaphysik, Ethik und politischen Philosophie.
Leben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Während die Quellen – vor allem Ockhams eigene Werke – über seine Ansichten und Lehren detailliert informieren, liegen über seine Persönlichkeit und Biographie nur relativ spärliche Informationen vor.
Jugend, Ausbildung, Lehrtätigkeit
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Das erste gesicherte Datum aus Ockhams Leben ist seine Weihe zum Subdiakon in Southwark im Februar 1306; damals gehörte er bereits dem Franziskanerorden an. Etwa im Zeitraum von 1300 bis 1308 erhielt er an einer Ordensschule (studium, Studienhaus) der Franziskaner in London seine Ausbildung in den Artes als Voraussetzung für das Studium der Theologie, das er dann um 1308 an der Universität Oxford begann. Um 1317 erhielt er dort den Grad eines Bakkalaureus und damit die Berechtigung, eine Vorlesung über die Sentenzen des Petrus Lombardus zu halten. Den Magistergrad erlangte er aber offenbar nie, da sein mittelalterlicher Beiname Venerabilis Inceptor („Ehrwürdiger Beginner“) besagt, dass er sich für den Erwerb des Magistergrades qualifiziert hatte, dieser ihm aber nicht formell verliehen wurde. Die Ursache dafür waren möglicherweise universitätspolitische Konflikte und philosophisch-theologische Gegensätze, doch könnte es auch daran gelegen haben, dass die Anzahl der zulässigen Abschlüsse des Promotionsverfahrens von vornherein auf die Anzahl der zu besetzenden Stellen an der Universität und in den Ordenshäusern begrenzt war.[1] Jedenfalls verließ Ockham Oxford und übersiedelte nach London, wo er etwa ab 1320 im Studienhaus der Franziskaner unterrichtete.[2]
Verteidigung gegen den Häresievorwurf
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der Kanzler der Oxforder Universität, der Magister John Lutterell, befand sich zu Beginn der 1320er Jahre in einem heftigen Konflikt mit den dortigen Magistern. Im Sommer 1322 baten die Magister den dafür zuständigen Bischof von Lincoln, den Kanzler abzusetzen. Lutterell wurde entlassen. Ob Ockham in diesem Konflikt bereits eine Rolle spielte, geht aus den Quellen nicht hervor, ist aber zu vermuten, denn der Kanzler war als eifriger Thomist ein entschiedener Gegner der Philosophie und Theologie des franziskanischen Gelehrten.[3] Jedenfalls erlaubte König Eduard II. Lutterell im August 1323, an den päpstlichen Hof in Avignon zu reisen. Dort legte der ehemalige Kanzler eine Anklageschrift gegen Ockham vor, in der er ihn der Häresie bezichtigte. Darauf musste sich Ockham 1324 nach Avignon begeben, um sich dem gegen ihn angestrengten Prozess zu stellen. Lutterells Anklageschrift zählte 56 Lehrsätze auf, die als Irrtümer angeprangert wurden. 1325 wurde eine Kommission eingesetzt, die den Fall zu untersuchen hatte. Sie bestand aus sechs Theologen, unter denen der Ankläger Lutterell war. Die Kommission stellte auf der Grundlage der Anklageschrift eine neue Liste von 51 angeblich häretischen Thesen Ockhams zusammen. 1326 erstellte die Kommission ein abschließendes Gutachten, in dem von den 51 Sätzen Ockhams 29 als häretisch oder irrig, die übrigen 22 als möglicherweise falsch bezeichnet wurden. Unter anderem wurde Ockham des Pelagianismus für schuldig befunden. Damit hätte seiner Verurteilung durch Papst Johannes XXII. nichts mehr im Wege gestanden, zumal sich der Papst schon im Sommer 1325 in einem Brief an Eduard II. scharf gegen Ockhams Lehre ausgesprochen hatte.[4] Obwohl das Verfahren sehr sorgfältig und mit großem Aufwand betrieben wurde und Ockham bis 1328 als Angeklagter in Avignon blieb, kam es aus unbekannten Gründen zu keinem Urteil. Ockham befand sich in Avignon als Angeklagter nicht in Haft; er musste dort bleiben, durfte sich aber frei bewegen und an seiner Verteidigung arbeiten.[5]
Bruch mit dem Papst und Kampf für den Kaiser
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Damals war der Armutsstreit im Gang, eine theologische Auseinandersetzung, die mit der Anklage gegen Ockham nicht zusammenhing. Dabei ging es ursprünglich um die Frage, inwieweit die Franziskaner im Sinne des Testaments des Ordensgründers Franz von Assisi verpflichtet waren, in vollkommener Armut zu leben, und wie der Franziskanerorden mit Geschenken – darunter insbesondere Immobilien – umgehen sollte, die er erhielt und die mit dem ursprünglichen Armutsideal schwer vereinbar waren. Strittig war auch, ob Christus und die Apostel privat oder gemeinschaftlich Eigentum besessen hatten; aus der Annahme, dass dies nicht der Fall gewesen war, wurde gefolgert, dass eine konsequente Christus-Nachfolge notwendigerweise mit entsprechender Armut verbunden war. Demnach durften die Mönche individuell ebenso wie kollektiv keine Dinge besitzen, sondern sie nur im unumgänglichen Maß gebrauchen. Obwohl der Streit sich formal nur auf die Lebensweise von Bettelmönchen bezog, konnte die Armutsforderung auch als Kritik am Reichtum des höheren Klerus und besonders der Angehörigen des päpstlichen Hofes verstanden werden.
Papst Johannes XXII. war ein entschiedener Gegner der Armutsthese und verurteilte sie als häretisch. Dadurch geriet er in Konflikt mit dem Ordensgeneral der Franziskaner, Michael von Cesena, den er nach Avignon zitierte. Michael traf am 1. Dezember 1327 in Avignon ein; er wohnte dort wohl in dem Franziskanerkonvent, wo auch Ockham untergebracht war. So sah sich Ockham, der sich bisher auf theologische und philosophische Fragen konzentriert hatte und kirchenpolitisch kaum hervorgetreten war, zur Auseinandersetzung mit dem Armutsstreit veranlasst. Es gelang Michael, den Philosophen von der Auffassung zu überzeugen, dass die Armutsforderung berechtigt sei und drei gegenteilige Verordnungen des Papstes von 1322 bis 1324 häretisch gewesen seien. Daraus zogen die beiden Franziskaner die Konsequenz, dass der Papst vom wahren Glauben abgefallen sei. Johannes verbot Michael, Avignon zu verlassen. Am 26. Mai 1328 flohen Michael, Wilhelm von Ockham und die Franziskaner Bonagratia von Bergamo und Franz von Marchia aus Avignon und begaben sich auf dem Seeweg nach Pisa. Dort trafen sie auf Kaiser Ludwig IV. den Bayern, der sich damals bereits im Streit mit dem Papst befand. Johannes hatte die Rechtmäßigkeit der Herrschaft Ludwigs bestritten und ihn am 23. März 1324 exkommuniziert, worauf Ludwig den Papst der Häresie beschuldigte und am 18. April 1328 für abgesetzt erklärte. Beim Häresievorwurf spielte der Armutsstreit, in dem Ludwig ab 1324 auf der Seite der Armutsbefürworter stand, eine Rolle. Ludwig stellte die flüchtigen Franziskaner unter seinen Schutz. Anfang 1330 traf Ockham mit seinen Gefährten in München ein, wo er bis zu seinem Tod blieb. Ockham, der am 20. Juli 1328 exkommuniziert worden war, wurde nun zu einem Vorkämpfer der Gegner des Papstes. Er begann sich intensiv mit politischen und kirchenrechtlichen Grundsatzfragen zu befassen, insbesondere dem Verhältnis zwischen weltlicher und geistlicher Macht und den Grenzen der Befugnisse des Papstes.
Es gelang den rebellischen Mönchen nicht, ihren Orden für den Kampf gegen Johannes zu gewinnen. Die Franziskaner blieben dem Papst treu und wählten einen neuen Ordensgeneral. Auch nach dem Tod des Papstes 1334 kam es nicht zu einer Versöhnung mit dessen Nachfolger Benedikt XII.; die Positionen blieben im Wesentlichen unverändert und Ockham verfasste ein Traktat gegen Benedikt, um auch den neuen Papst als Häretiker zu erweisen.[6] Zwar konnte Ockham seine Stellung als Berater des Kaisers festigen – er half Ludwig auch im Ehestreit um Margarete von Tirol mit einem Gutachten –, doch der Niedergang von Ludwigs Ansehen und Macht und die Wahl des Gegenkönigs Karl IV. im Juli 1346 bedeuteten für den exkommunizierten Franziskaner eine akute Gefahr. Einer seiner letzten Texte zeigt, dass er mit der Möglichkeit rechnete, dass München in die Hände der Gegner falle.[7] Ockham erlebte jedoch Ludwigs Tod im Oktober 1347 nicht mehr. Entgegen früheren Vermutungen, wonach er bis 1349 lebte und sich möglicherweise mit dem Papst aussöhnte, steht nach heutigem Forschungsstand fest, dass er im April 1347 als Exkommunizierter in München gestorben ist.[8] Er wurde an der Kirche des Franziskanerklosters beigesetzt, an deren Stelle sich nach der Auflösung des Klosters im Jahr 1802 im Rahmen der Säkularisierung heute der Münchner Max-Joseph-Platz befindet.[9]
Werke
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